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Günther Kaip

Im Fahrtwind

Miniaturen

128 Seiten. 12,5x19 brosch.
Euro 15,90
März 2010
ISBN 978-3-902665-15-7

 

 

 

 

 

 

Wir gingen alle ins Leben hinaus. Jeder mit einem weißen Seidenhemd bekleidet, das bis zu den Oberschen- keln reichte. Die Hände waren manikürt, die Köpfe frisiert, jeder Schritt knüpfte an den anderen an. Wir trieben Tage vor uns her, manchmal prügelten wir auf sie ein, ohne uns zu beschmutzen. Ab und zu kam ein Schiff vorbei, blähte die Segel und forderte uns auf ein- zusteigen. Aber wir ignorierten es, vertrauten unseren Schritten. Wir wollten den Ruhm nicht teilen, auch hat- ten wir die Absicht, für unser Einkommen selbst zu sor- gen, Schritt für Schritt, mit wehendem Seidenhemd und manikürten Händen. Manchmal blieben wir stehen, sahen uns an und hüstelten.
„Diese Miniaturen sind Idyllen, im ursprünglichen kon- kreten Wortsinn, also „Bildchen“, aber solche, die an- genehm aus dem Rahmen fallen. Einige wirken wie Votivbilder, wobei das Allegorische immer ins Ironi- sche oder Drastische gebrochen wird, was zu einge- henden und scharfsinnigen Gesellschaftsanalysen führt, von geradezu seherischer Qualität.“
(Günther Vallaster, www.literaturhaus.at)

„Günther Kaip ist ein Emissär der kurzen Form, er ver- steht es zwischen Prosa und lyrischen Einschüben auf schmalen Graten sicheren Schrittes zu flanieren.“ (Rudolf Kraus, Bücherschau 1/2009)

„Kaips Fantasiearbeit an und mit der Sprache hat an Boden und Festigkeit gewonnen, sie hält noch den mutwilligsten Kapriolen stand, ohne ihre Duftigkeit zu verlieren.“
(Evelyne Polt-Heinzl, Literatur und Kritik, 11/2008)

Vorsichtig, damit es nicht bricht, legt er sein Gewicht ins Gras, glättet es und faltet es zu einem Kubus zusammen. Dann klettert er bis zur höchsten Baumspitze, sich immer wieder am Stamm festhaltend, sonst würde er davon fliegen, denn hier heroben herrschen starke Winde. Manchmal flattert er wie eine Fahne im Wind, hantelt sich aber weiter. Endlich oben angekommen, setzt er sich auf das Ende des längsten Asts im Baumwipfel, er wippt, bis ihn ein Windstoß mit sich reißt. Zuerst glaubt er zu schweben, sieht unten im Gras seinen Kubus, der kleiner und kleiner wird, dann packt ihn der Wind und treibt ihn vor sich her.

 

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