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Florian Neuner

Ruhrtext

Eine Revierlektüre

Mit einer Fotoserie von Jörg Gruneberg
ca. 480 S., 12,5x19 brosch.
Euro 29,90
März 2010
ISBN 978-3-902665-17-1

 

 

 

 

 

 

Angeregt von den Dérive-Experimenten der Situationis- ten, die der von den Verheerungen des Kapitalismus und einer „autogerechten“ Verkehrsplanung gezeichneten modernen Stadt ihre bewußt subjektive Aneignung des Stadtraums entgegensetzten, durchstreife ich „Deutsch- lands größte Stadt“, die eigentlich keine ist – oder ein Patchwork aus vielen. Das mag absurd erscheinen, zumal das Ruhrgebiet zu einem nicht unbeträchtlichen Teil aus „automobilen Zonen“ besteht, die in der Regel durchfah- ren werden und nicht durchwandert. Dennoch scheint mir das Gehen die einzige Möglichkeit zu sein, eine Stadt wirklich zu lesen; die Verwandlung meiner Lektüre der Stadtlandschaft in Text visierend, erwandere ich Stadt- teile und Peripherien, Dortmund-Mengede oder Hagen- Haspe, Duisburg-Rheinhausen, Bottrop-Kirchhellen usf., ohne Ziel und ohne genauen Plan, intuitiv den „Ver- lockungen des Terrains“ (Guy Debord) folgend, Atmo- sphären nachspürend, die Stadtlandschaft psychogeogra- phisch kartographierend (Florian Neuner)

Die Konstruktion des Textes folgt der polyzentralen urbanen Struktur des Ruhrgebiets und setzt patch- workartig Fragmente gegeneinander. Dabei steht eine Betrachtung der Oberflächen, eine Art Phänomenolo- gie des gegenwärtigen Stadtraums, neben historischen Tiefenbohrungen. Die Texte an der visuellen Oberflä- che der Stadt fließen ein in die mit „Dérive“ überschrie- benen Abschnitte. Die Lektüre geht weiter und wendet sich auch den „verborgenen Texten“ (Michel Butor) in den Bibliotheken und Archiven zu. Auf dieser Grund- lage schreibt Neuner Texte, die historische Ereignisse beleuchten oder Hintergründe erforschen. Trotz dieser quasi wissenschaftlichen Recherche bleibt sein Blick subjektiv. Er interessiert sich nicht unbedingt für Fuß- ball, aber für die Arbeit eines in Duisburg lebenden Komponisten. In dem Kapitel über den Werner Hell- weg im Bochumer Osten gibt die Wahrnehmung der gegenwärtigen Straße, Aufschriften, Meldungen in Lokalzeitungen, Gesprächsfetzen in Kneipen etc. Anlass, nach der Bergbaugeschichte in diesem Stadtteil zu fragen, aber auch nach dem historischen Hellweg.

RUHR. 2010. KULTURHAUPTSTADT EUROPAS
Eine Ruhrtext-Collage als Plädoyer für eine subjektive Aneignung und Rückeroberung der von Verkehr, Indus- trie und modernem Wohnbau geschundenen Stadt

 

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