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Michael Amon

Fromme Begierden

Roman

216 Seiten
12,5 x 19. Hardcover, SU
19,90 €
ISBN 978-3-902665-31-7

 

 

 

 

 

 

Lakonisch berichtet Michael Amon von seinen Jahren im katholischen Internat. Die Themen sind Gewalt, Mißbrauch, religiöser Wahn, falsche Frömmigkeit und hemmungslose Machtausübung. Die Gründerinnen des Internats kamen aus dem Bund Neuland, einer katholischen Erneuerungsbewegung, und hatten die Vision einer neuen Pädagogik und einer menschennahen Volkskirche. Unter der sichtbaren Oberfläche läuft vieles bereits schief, aber endgültig bricht die Katastrophe in dem Moment aus, als die Schulgründerin stirbt.

Ohne Selbstmitleid und teils durchaus ironisch schildert Amon die Wiederherstellung der alten Ordnung, eines Regimes alltäglicher, brutalster Gewalt. Nicht der genitale Übergriff ist das Hauptproblem, sondern die sexuell aufgeladene Gewaltausübung. Ein Klerikalfaschist als Internatsleiter, der seine verklemmte Sexualität beim Verprügeln kleiner Kinder auslebt, sadistische Erzieher, sinnlose Strafen bis hin zur körperlichen Folter - ein Arsenal des Schreckens, wie es nicht nur in katholischen Internaten üblich war. In einer Art Spiegelung erzählt der Autor parallel auch von seiner wohlbehüteten Kindheit außerhalb des Internats. Im Kontrast werden die verheerenden Auswirkungen dieser Erziehung offensichtlich.

Kunstvoll fügt der Autor eine weitere Ebene ein: die Geschichte des Bundes Neuland. Beginnend in den 1920er-Jahren, wird der Lebensweg einiger Protagonisten der Bewegung kursorisch erzählt und mit der autobiographischen Beschreibung der Internatserlebnisse des Autors in den 1960er-Jahren verflochten. Diese Gegenüberstellung erhellt, wie eine ursprünglich reformorientierte Schule zur »schwarzen« Pädagogik herabsinken konnte.

Amon geht es nicht um eine undifferenzierte Aburteilung der Kirche oder einfache Antworten. Aber er beschreibt ein System, in dem nicht einige hundert Einzelfälle, sondern zig-tausende noch lebende Menschen zu Opfern geworden sind. Er gibt ihnen eine Stimme. Und er nennt Täter beim Namen. Trotzdem ist dieses Buch kein trockener Tatsachenbericht, sondern ein Roman, denn der Autor verdichtet die Abläufe, spitzt die Ereignisse zu, gibt offenen Fragen eine literarische Form, denn die Literatur hat ihre eigenen Gesetze, und selbst dort, wo sie die Wahrheit scheinbar entstellt, dient dies der Kenntlichmachung. Die Wahrheit ist eine Tochter der Literatur, denn viele längst vergessenen Ereignisse bekommen in diesem Roman ihr wahres Gesicht zurück.